Das große Geld der Energiewende liegt nicht in Symbolbeteiligung

Eine neue Studie zeigt, warum Erneuerbare Energien für Regionen wirtschaftlich viel wichtiger sind als oft angenommen — und warum Eigentum dabei der entscheidende Hebel ist

Die zurückgehaltene Studie des Wirtschaftsministeriums

Eine neue Studie des Bundeswirtschaftsministeriums zeigt, wie stark Städte, Landkreise und Gemeinden vom Ausbau Erneuerbarer Energien profitieren können. Wind- und Solaranlagen sind demnach nicht nur Klimaschutz-Infrastruktur, sondern ein erheblicher regionaler Wirtschaftsfaktor: Schon 2023 erzeugten sie bundesweit rund 10 Milliarden Euro direkte Wertschöpfung und etwa 51.000 Vollzeitarbeitsplätze. Wenn Deutschland seine Ausbauziele erreicht, könnte diese direkte Wertschöpfung bis 2033 auf rund 21 Milliarden Euro pro Jahr steigen.

Die Studie trägt den Titel „Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien“. Sie wurde vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und IW Consult im Auftrag des damaligen Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz erstellt und im April 2026 veröffentlicht. Untersucht wurden die wirtschaftlichen Effekte von Windenergie sowie Dach- und Freiflächen-Photovoltaik in rund 400 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland.

Interessant ist dabei nicht nur die Höhe der Zahlen. Interessant ist vor allem die Frage, wo diese Wertschöpfung eigentlich landet.

Denn erneuerbare Energie wird zwar lokal erzeugt. Die Gewinne bleiben aber nicht automatisch vor Ort.

Genau hier wird die Studie spannend. Sie zeigt, dass ein erheblicher Teil der wirtschaftlichen Effekte über die Gewinne der Betreibergesellschaften entsteht. Und diese Gewinne bleiben vor allem dann in der Region, wenn Bürger:innen, Kommunen, Stadtwerke, lokale Unternehmen oder Bürgerenergiegesellschaften selbst beteiligt sind.

Warum das wichtig ist!

In der öffentlichen Debatte wird die Energiewende oft als Kosten- oder Akzeptanzproblem beschrieben. Es geht um Netzausbau, Strompreise, Genehmigungen, Flächenkonflikte und Widerstand vor Ort.

Die Studie setzt einen anderen Schwerpunkt. Sie zeigt, dass der Ausbau von Wind- und Solarenergie für viele Regionen auch eine erhebliche wirtschaftliche Chance ist.

Das ist gerade für ländliche Räume relevant. Dort entstehen viele Anlagen. Dort werden Flächen bereitgestellt. Dort verändern Windparks und Solarparks das Landschaftsbild. Wenn die wirtschaftlichen Effekte aber überwiegend bei externen Investoren landen, bleibt vor Ort oft nur ein begrenzter Teil der Wertschöpfung.

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur: Wie schnell bauen wir Erneuerbare aus?

Sondern auch: Wer profitiert wirtschaftlich davon?

Kommunale Abgaben, Pachteinnahmen, Bürgerstromtarife oder freiwillige Beteiligungsmodelle können wichtig sein. Sie können Akzeptanz erhöhen und Kommunen zusätzliche Spielräume geben.

Aber sie sind nicht der größte Hebel.

Der größere Hebel liegt dort, wo Menschen und regionale Institutionen direkt an den Anlagen oder Betreibergesellschaften beteiligt sind. Denn dann geht es nicht mehr nur um Ausgleich oder Akzeptanzmanagement. Dann geht es um echte Teilhabe an der Wertschöpfung.

Eigentum schlägt Symbolbeteiligung

Ein Windpark kann in einer Region stehen und trotzdem überwiegend Wertschöpfung aus der Region abziehen. Ein Solarpark kann lokal sichtbar sein, ohne lokal besessen zu werden. Regionale Stromproduktion bedeutet also noch nicht automatisch regionale Wertschöpfung.

Erst wenn Eigentum, Betreibergewinne und Beteiligung vor Ort organisiert werden, wird aus der Energiewende ein regionaler Entwicklungshebel.

Die Studie beschreibt diese Lücke ziemlich klar. Betreibergewinne großer Anlagen fließen häufig an Eigentümer außerhalb der Region. Gleichzeitig betonen die Autor:innen, dass direkte Beteiligungsmodelle und Bürgerenergiegesellschaften einen deutlich höheren regionalen Verbleib der Wertschöpfung ermöglichen.

Regionale Wertschöpfung ist kein Automatismus

Die öffentliche Debatte über die Energiewende konzentriert sich oft auf Ausbaugeschwindigkeit, Genehmigungsverfahren, Netze und Strompreise. All das ist wichtig. Aber die Studie zeigt, dass eine weitere Dimension mindestens genauso relevant ist: die regionale Verteilung der wirtschaftlichen Effekte.

Ein Solarpark in einer Gemeinde bedeutet noch nicht, dass diese Gemeinde substanziell vom Solarpark profitiert. Ein Windpark im ländlichen Raum bedeutet noch nicht, dass die Menschen vor Ort an den Erträgen beteiligt sind.

Regionale Wertschöpfung entsteht erst dann in größerem Umfang, wenn entlang der Wertschöpfungskette lokale Akteure eingebunden sind: bei Planung, Bau, Betrieb, Wartung, Finanzierung und Eigentum.

Die Studie beschreibt deshalb nicht nur direkte Effekte durch Wind- und Solaranlagen, sondern auch weitere regionalökonomische Wirkungen: Unternehmensansiedlungen, zusätzliche Steuereinnahmen, bessere Daseinsvorsorge und Investitionen in Infrastruktur.

Das ist für Kommunen zentral. Viele Städte und Gemeinden suchen nach Wegen, ihre Haushalte zu stabilisieren, Infrastruktur zu modernisieren und zugleich die Energiewende vor Ort voranzubringen. Erneuerbare Energien können dafür ein Hebel sein. Aber nur, wenn die Rahmenbedingungen so gestaltet sind, dass regionale Akteure tatsächlich beteiligt werden.

Akzeptanz ist nicht nur eine Kommunikationsfrage

In vielen Projekten wird Akzeptanz noch immer vor allem als Kommunikationsproblem behandelt. Man informiert früher, erklärt ausführlicher und organisiert Beteiligungsformate. Das ist notwendig, aber es greift zu kurz.

Akzeptanz entsteht nicht allein dadurch, dass Menschen verstehen, warum ein Projekt gebaut wird. Sie entsteht eher dann, wenn sie nachvollziehen können, welchen konkreten Nutzen das Projekt für ihre Gemeinde, ihre Region und im besten Fall auch für sie persönlich hat.

Die Studie verweist deshalb ausdrücklich auf finanzielle Beteiligungsmodelle, Bürgerenergiegenossenschaften und lokale Stromtarife als Möglichkeiten, Menschen vor Ort unmittelbar am Ausbau der Erneuerbaren teilhaben zu lassen.

Das ist ein wichtiger Punkt für die politische Debatte. Wer Akzeptanz für neue Energieinfrastruktur will, sollte nicht nur über bessere Kommunikation sprechen. Er sollte auch über Beteiligung, Eigentum und wirtschaftliche Teilhabe sprechen.

Warum Energiegenossenschaften wieder strategisch relevant werden

Energiegenossenschaften passen genau in diese Lücke. Sie verbinden lokale Verankerung, demokratische Mitbestimmung und finanzielle Beteiligung. Bürger:innen können sich an konkreten Projekten beteiligen, werden Mitglied einer Organisation und erhalten eine Stimme.

Gerade deshalb sind sie für die nächste Phase der Energiewende interessant. Denn wenn die Eigentumsfrage stärker in den Vordergrund rückt, braucht es Strukturen, die Beteiligung nicht nur versprechen, sondern praktisch organisieren können.

Das Problem ist allerdings offensichtlich: Der Zugang zu Energiegenossenschaften ist häufig noch fragmentiert. Wer sich beteiligen möchte, findet oft keine zentrale Übersicht, keine gut vergleichbaren Informationen und keinen durchgehend digitalen Prozess. Viele Genossenschaften leisten hervorragende Arbeit, aber ihre Sichtbarkeit und ihr Zugang passen noch nicht zu dem Anspruch, Bürgerenergie breiter zugänglich zu machen.

Hier liegt eine der großen Umsetzungslücken der Energiewende.

Bürgerenergie ist als Modell etabliert. Der Zugang dazu ist es noch nicht.

Die nächste Infrastrukturfrage ist nicht nur technisch

Wenn über Infrastruktur in der Energiewende gesprochen wird, denken die meisten an Netze, Speicher, Anlagen, Wärmepumpen oder Ladepunkte.

Die Studie macht aber deutlich, dass es auch eine andere Form von Infrastruktur braucht: Beteiligungsinfrastruktur.

Gemeint sind damit einfache und skalierbare Wege, über die Bürger:innen, Kommunen, Genossenschaften, Banken und regionale Plattformen miteinander verbunden werden können.

Dazu gehören verständliche Informationen, standardisierte Daten, digitale Beitritts- und Zeichnungsprozesse sowie transparente Beteiligungsmöglichkeiten. Ohne diese Infrastruktur bleibt Beteiligung oft dort hängen, wo sie heute häufig steht: bei engagierten Einzelpersonen, lokalen Netzwerken und aufwendigen manuellen Prozessen.

Das reicht für einzelne Projekte. Aber nicht für eine Energiewende, die regionale Wertschöpfung systematisch stärken will.

Was das für Banken, Kommunen und Plattformen bedeutet

Für regionale Banken, Sparkassen, Volksbanken, Stadtwerke und kommunale Plattformen entsteht daraus eine neue Rolle. Sie können zu Zugangspunkten für regionale Energiewende-Beteiligung werden.

Das bedeutet nicht, dass jede Bank selbst Projektentwickler werden oder jede Kommune eigene Beteiligungsplattformen aufbauen muss. Aber es bedeutet, dass regionale Akteure stärker darüber nachdenken sollten, wie sie Bürger:innen den Zugang zu lokaler Wertschöpfung ermöglichen.

Gerade Banken haben hier eine besondere Ausgangsposition. Sie verfügen über Vertrauen, Kundenzugang und regionale Verankerung. Wenn regionale Wertschöpfung aus Erneuerbaren politisch und gesellschaftlich wichtiger wird, können sie eine Brücke bauen: zwischen Bürger:innen, lokalen Projekten und digitalen Beteiligungsangeboten.

Das wäre mehr als ein weiteres Nachhaltigkeitsprodukt. Es wäre eine neue Form regionaler Kundenbindung und ein Beitrag dazu, dass die wirtschaftlichen Chancen der Energiewende nicht nur bei externen Kapitalgebern landen.

Die Studie zeigt, dass der Ausbau Erneuerbarer Energien enorme wirtschaftliche Chancen für Regionen bietet. Sie zeigt aber auch, dass diese Chancen gestaltet werden müssen.

Regionale Stromproduktion allein garantiert noch keine regionale Wertschöpfung. Windräder vor Ort bedeuten nicht automatisch Gewinne vor Ort. Solarparks in der Region bedeuten nicht automatisch Teilhabe in der Region.

Erst wenn Eigentum, Betreibergewinne, kommunale Einnahmen und Bürgerbeteiligung zusammengedacht werden, entsteht daraus ein echter regionaler Entwicklungshebel.

Deshalb ist die nächste Phase der Energiewende auch eine Eigentumsfrage. In den kommenden Jahren wird nicht nur entschieden, wie schnell Deutschland erneuerbare Kapazitäten ausbaut. Es wird auch entschieden, wem diese Infrastruktur gehört, wer an ihr verdient und ob Menschen vor Ort sich als Betroffene oder als Beteiligte erleben.

Und genau diese Frage wird mitentscheiden, ob die Energiewende vor Ort als Belastung oder als wirtschaftliche Chance wahrgenommen wird.

 
 

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